Bildung und Wissenschaft für eine nachhaltige Ökonomie

"Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören." (G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie)

Das Problem: eine Legitimationskrise

Seit 2008 befindet sich die ökonomische Wissenschaft in einer offenen Legitimationskrise. Nur eine geringe Zahl von Ökonomen hatte den drohenden Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte vorhergesehen, die nachträglich erstellten Diagnosen zu den Ursachen der Krise waren zum Teil widersprüchlich. Seither hat das Ansehen zentraler ökonomischer Beratungsinstanzen, beispielsweise des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), merklich gelitten: „Dass eine Bundesregierung den Rat (des SVR, d.A.) so offensichtlich ignorieren kann, liegt auch daran, dass die Wirtschaftsforschung bei den Wählern einiges an Vertrauen verspielt hat“ (Patrick Bernau: „Abhängige Ökonomen“, in: FAZ vom 5.9.2015). Dieser Verlust an Einfluß im Feld der Politikberatung und der darüber hinausgehende Legitimationsverlust in den Medien und der Zivilgesellschaft führt zu einem defensiven Verhalten der Vertreter der Volkswirtschaftslehre, das nur wenig Raum für eine selbstkritische Reflexion läßt.

Die Kritiker dieser Auffassung finden jedoch zunehmend Gehör in der Öffentlichkeit. Die „bestseller“ der ökonomischen Literatur der letzten Jahre wurden weniger von Vertretern der orthodoxen Lehre geschrieben als von Protagonisten der „pluralen Ökonomik“, die die Wirtschaftswissenschaften wieder als Sozialwissenschaft begreifen und die Irrwege aufzeigen, in die ein „Übergewicht an Mathematisierung und Abstraktion von konkreten kulturellen, historischen, politischen Kontexten“ geführt hat. Als Beispiele seien genannt die Werke von David Graeber: „Schulden“, und Thomas Sedlacek: „Die Ökonomie von Gut und Böse“.

Die Diagnose der Vertreter der pluralen oder heterodoxen Ökonomik hebt folgende Kritikpunkte hervor: die abstrakten Modellwelten der neoklassischen Gleichgewichtsökonomie werden auf die Wirklichkeit übertragen, ohne den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wirtschaftlicher Praxis auch nur im Ansatz gerecht zu werden, eine nachhaltiges Wirtschaften ist auf diese Weise nicht denkbar. Die orthodoxe Ökonomik bedient sich dabei einer hermetischen Fachsprache, die ihre Adressaten in Politik, Medien und Zivilgesellschaft nicht erreicht. Das sozial- und geisteswissenschaftliche Umfeld des Fachs in Gestalt der Wirtschaftsgeschichte, Wissenschaftstheorie und Ethik wird dabei zu einem Randphänomen des akademischen Betriebs. Das Ergebnis ist eine zunehmende Sprachlosigkeit, wo ein intensiver argumentativer Austausch nötig wäre. Die mathematisch orientierten Ökonomen bleiben unter sich und die Gräben zu den Kollegen abseits des „mainstreams“ werden, wie zur Gesellschaft insgesamt, tiefer: man redet viel übereinander, selten miteinander.

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